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Hilfe ! Die Chinesen haben unsere SCHWEIZER Fabrik geklaut

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Globalisierungsangst und nationalistische Propaganda. Karls Kühne gassenschau, Swisscom, Chinesen – ein Blick in die grundstimmung der mittelständischen Mehrheit.

Wir kaufen alles, was wir können, in der Schweiz ein. Billiger Euro hin oder her!» Swisscom-Boss Carsten Schloter spricht zu 1400 Gästen, die sein Konzern an einem sonnigen Juni-Abend eingeladen hat. Karls Kühne Gassenschau gibt in der Winterthurer Industriezone das Stück «Fabrikk» – Swisscom spendiert das Ticket zur noch lange ausverkauften Show, Nachtessen und auch noch den Schlummertrunk. Schloter hat den richtigen Ton getroffen, die Botschaft kommt an: Grosser Applaus. Swisscom ist eben eine richtige Schweizer Firma, die beim Schweizer Gewerbe einkauft, auch wenn es ein bisschen teurer ist, und nicht wie die geldgierige ausländische Konkurrenz jedem Rappen nachrennt.

Glückliches Proletariat, böse Chinesen

Die «Fabrikk» der Gassenschau ist eine kleine Schweizer Pralinenfabrik. Die ArbeiterInnen kommen aus Italien, Frankreich, der Schweiz und Jugoslawien, der Betriebsleiter ist Italiener, der speichelleckende Unterchef Schweizer und der dumme Praktikant ein Deutscher. Und alle haben sich gerne und noch lieber haben sie SCHWEIZER QUALITÄT. Ohne die geht es nicht und wenn die ArbeiterInnen zusammen die SCHWEIZER QUALITÄT (nur frische Zutaten und kleine Serien für den kleinen SCHWEIZER MARKT) produzieren, dann singt die Italienierin ein schönes italienisches Lied und gleich geht die Arbeit in der Fabrikk leichter von der Hand. Und als der Kapitalist für einen chinesischen Grosskunden eine Nachtschicht braucht, da stehen Arbeiterinnen und der Betriebsleiter zusammen, die Italienerin singt und zusammen machen sie SCHWEIZER QUALITÄT und haben sich gerne. So schön war es früher in der SCHWEIZER FABRIKK, als es noch kein Phänomen wie Globalisierung gab. Doch oh weh: Der Kapitalist ist kein richtiger Schweizer. Ihm ist SCHWEIZER QUALITÄT egal, genauso wie dem superreichen Chinesen, der für sein vieles Geld nur Masse will und die sofort. Umso besser, wenn die ohne Frischprodukte hergestellte Massen-Praline nach Fisch schmeckt. Chinesen haben gerne Fisch. Doch der Betriebsleiter und sein glückliches Proletariat wollen nur SCHWEIZER QUALITÄT herstellen, was der böse Kapitalist zum Anlass nimmt, seinen fiesen Geheimplan umzusetzen. Er verlagert die Produktion nach China. Eine uniforme und uniformierte chinesische Arbeitermasse überfällt die Fabrik im Stechschritt, zersägt sie und ihre kostbaren, dem fassungslos zuschauenden SCHWEIZER PROLETARIAT liebgewordenen Maschinen, und packt alles in einen riesigen, chinesischen Container, der davon schwimmt. Das SCHWEIZER PROLETARIAT bleibt fassunglos und weinend zurück.

Sind die Chinesen auch an der nationalistischen Welle schuld?

Die 1400 Swisscom-Kunden in der Vorstellung sind Die Chinesen transportieren die Schweizer Fabrik ab, das Schweizer Proletariat bleibt im Wasser zurück. Foto: Bernhard Fuchs begeistert, der Applaus will kein Ende nehmen. Danach darf man als Zuschauer In sein günstiges iPhone wieder in Betrieb setzen, man nimmt die in Malaysia genähte Regenjacke (der Stoff kam aus Indien, die Chemikalien für den Hightech-Regenschutz wurden aus Indonesien importiert) und geht mit den schicken Reebok-Tretern (in Vietnam genäht) mit seinem Swisscom-Verkäufer auf einen Schlummertrunk an die Bar. Man ist sich einig, dass es halt schon traurig sei, dass es keine SCHWEIZER INDUSTRIE mehr gibt und UNS die uniformen Heere der asiatischen BilligarbeiterInnen die ganze Arbeit weggenommen haben. Danach geht man an den Fabrikgebäuden von Sulzer und Burckhardt Compression, wo fleissig für den asiatischen Markt entwickelt und produziert wird, vorbei zu seinem BMW.

«Fabrikk» ist ein riesiger Erfolg und die Vorstellungen sind bis Ende Oktober ausverkauft. Kein Wunder, denn die (übrigens wunderschön gemachte) Show trifft die linksnationalistische Grundstimmung der mittelständischen Mehrheit der Schweiz. Man profitiert wie verrückt von der Globalisierung und der billigen Arbeit der asiatischen ArbeiterInnen und Kinder. Auch grosse Teile der Schweizer Industrie und sowieso die Banken haben bisher vom Aufschwung Asiens profitiert. So verkaufte die Schweizer Industrie letztes Jahr für eine Milliarde Franken mehr Waren – die übrigens zum Teil wenige Meter neben der «Fabrikk» hergestellt werden – nach China, als die Schweiz umgekehrt von der «Werkbank der Welt» importiert hat. Doch die Schweizer KleinbürgerInnen profitieren nicht nur, sie haben auch Angst um ihre Jobs, ihre Pensionskassen und vor allem davor, ihren Reichtum mit «den Chinesen» teilen zu müssen. Sie sind gegen «Auslagerung» und «Globalisierung» und für eine «SCHWEIZ», die es nie gegeben hat. Ihre Angst ist Wasser auf die Mühlen der Rechten.

Industrie weg, Heimatliebe da, verschobene Wahrnehmung

«Fabrikk» hat es gegeben und wird es weiter geben. Textilfabrikanten haben ihre Fabriken im Tösstal geschlossen, die Näherinnen entlassen und neue in Portugal, Marokko, China, Indien, Bangladesch aufgezogen. Die einst stolze Papierindustrie ist ausgewandert, Bücher werden in Deutschland gedruckt und Ungarinnen helfen den UBS-Bankern (per Telefon), ihre Computer richtig zu bedienen. Viele der meist ausländischen ArbeiterInnen der ausgelagerten Fabriken hat man erst in die Invalidenversicherung ausgelagert, dann als ausländische IV-Betrüger und Sozialschmarotzer denunziert. Gleichzeitig aber ist die Zahl der Jobs in der Schweiz zwischen 1991 und 2009 um fast ein Fünftel gestiegen. Wie seltsam das alles ist: Die Auslagerer und Globalisierer können nicht genug «Aus Liebe zur Schweiz», Heimatliebe und Patriotismus demonstrieren, die Profiteure sehen sich als Opfer der «Chinesen» und haben Angst und die Opfer werden erfolgreich als Schmarotzer und TäterInnen diskriminiert.

Alois Hinterfuhren. Der Journalist arbeitet beruflich für und mit der zahlungskräftigen mittelständischen Mehrheit.

 

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