Besuch in Unteriberg. Wie muss man ticken, um die Minarettinitiative mit über 90 Prozent anzunehmen ? Unteriberg im Kanton Schwyz ist die konservativste Gemeinde der Schweiz – alles andere als repräsentativ, aber geeignet für eine Spurensuche. Wir sind am 1. August dieses Jahres dort zu Besuch gewesen.
Hilf uns, segne, Herr, Dein Erbe.
Leit es auf der rechten Bahn,
dass der Feind es nicht verderbe.
Wart und pfleg es in der Zeit.
Nimm es auf in Ewigkeit.
Te Deum, 4. Strophe
Die vierte Strophe des Te Deum erklingt an diesem heiteren Morgen des 1. August 2011 aus rund hundert frommen Kehlen. Vor der kleinen Bühne auf dem Verbundsteinplatz zwischen Schul- und Gemeindehaus haben sich die FrühaufsteherInnen aus Unteriberg versammelt – all jene, die gestern nicht zu lange am Höhenfeuer gesessen haben, das mit patriotischer Korrektheit entzündet wurde, nachdem die Kirchenglocke Mitternacht geschlagen hatte. Und diese vierte Strophe sagt mehr als alles andere darüber aus, wie man hier oben die Welt sieht.
Der Altar auf dem Bretterpodest ist aus Spanplatten, mit einer Marmorfolie überklebt, bedeckt mit weisser Spitze. Darauf flackern in ihren hohen, schlanken Ständern die Kerzen im sanften Wind, dazwischen die Utensilien der Liturgie, die goldenen Kelche für Blut und Leib, die Heilige Schrift. In Unteriberg – 1915 Katholiken, 219 Protestanten, 133 Konfessionslose, 38 andere – beginnt der 1. August mit der «Messe für Volk und Vaterland». Der wichtigste Mann an diesem Tag ist der Pfarrer. «Es ist ein Geflecht», sagt er in seiner Predigt bescheiden über das Zusammensein von Staat und Kirche. Er spricht von Koexistenz in gegenseitigem Respekt. Was er meint: Es ist ein Staat von Gottes Gnaden. Die Bundesverfassung, die beginnt schliesslich immer noch mit den Worten: «Im Namen Gottes des Allmächtigen!» Und es ist Gott, der «allen die rechte Gesinnung» gibt, und den Verantwortungsträgern im Staat die nötige Weisheit.
Der oberste Verantwortliche in Unteriberg heisst Josef Schatt, aber heute spielt er nur die zweite Geige. Der CVP-Gemeindepräsident ist ein Bär von einem Mann mit einem dezenten Schnauz unter der Nase. «Der Petrus ist auch ein Schweizer», sagt er nach der Messe ins Mikrofon, das er in seinen groben Händen hält, die von einem Leben harter Arbeit zeugen. Es ist ein prächtiger Morgen an diesem 1. August, man hat kaum mehr daran geglaubt, und man freut sich, dass der Petrus sich als Patriot zu erkennen gibt. Viel Regen ist gefallen dieses Jahr, der Juni war verseicht, und der Juli erst. Und in Unteriberg, 930 Meter über Meer, wo die Landwirtschaft ein Viertel der Leute beschäftigt, heisst das noch etwas. Der 1. August ist ein Tag zum Heuen. Die Arbeit des Bauern kennt keinen Feiertag, auch nicht den Geburtstag des Vaterlandes. Ja, in Unteriberg sagt man nicht Nationalfeiertag. Und Bundesfeier schon gar nicht.
Unteriberg ist laut dem «Atlas der politischen Schweiz» die konservativste Gemeinde des Landes. Oder die rechteste, heute spielt das keinen Rugel mehr, hier im Kanton Schwyz, wo von 100 Parlamentariern 41 SVPler sind. Das war nicht immer so: Noch vor 15 Jahren war die CVP mit 46 von 100 Kantonsräten die dominierende Kraft im Kanton, und die SVP, die kam gerade mal auf 12. Vier Jahre später legten die Rechtsbürgerlichen schon auf 20 Sitze zu, 2004 wurden es nochmals vier mehr. Bei den letzten Wahlen 2008 hat die Schwyzer SVP den rechten Rand der einstigen Katholisch-Konservativen, und in geringerem Mass auch der FDP, definitiv aufgesogen. Auch die SP hat im Schwyzer Parlament verloren, wenn auch auf ohnehin tiefem Niveau: Von ihren 11 Sitzen von 1996 hat sie 2007 zwei abgegeben.
Noch eindrücklicher ist die Entwicklung bei den Ergebnissen auf nationaler Ebene: 1991 kam die CVP im Kanton Schwyz bei den Nationalratswahlen auf fast 33 Prozent, die SVP machte gerade einmal 9,2 Prozent. Bei den letzten Wahlen von 2007, also eine Generation von Wahlberechtigten später, macht die SVP fast 45 Prozent der Stimmen, nochmals die Hälfte mehr also als die 30 Prozent, die sie schweizweit zur stärksten Partei machen. Und Unteriberg sticht sogar in diesem rechtskonservativen Mikrokosmos noch einmal deutlich heraus. 76 Prozent der Stimmen hat die SVP hier bei den letzten Wahlen erreicht.
«Wenn man Nein sagt, dann wird's sicher nicht schlimmer», bringt Franz Laimbacher die Einstellung seiner MitbürgerInnen auf den Punkt. Laimbacher ist Gemeindeförster und Vertreter der SVP im Kantonsrat. Er und sein Einsiedler Ratskollege sind die Einzigen, die im Anzug erschienen sind. Ansonsten trägt man lockere Sonntagskluft, karierte Kurzarmhemden über Jeans, eine Tracht ist zu sehen, Schweizerkreuze fast keine.
Das «Nein» hat man hier zum politischen Prinzip erhoben. Nein zur LSVA, zur Mehrwertsteuer, zur erleichterten Einbürgerung junger Ausländer, zu den Bilateralen, zur Personenfreizügigkeit, zur Gleichberechtigung und zur Fristenlösung. Nein auch damals zum Frauenstimmrecht. Und nein zur Bundesverfassung, 1848 genauso wie 1999. Kurz: Nein zu allem, was aus Bern kommt: «Wehret den Anfängen!» Ja gesagt haben sie zum Minarettverbot, das in dieser Bundesverfassung steht, in Unteriberg gleich mit 91 Prozent. Die Ausschaffungsinitiative vom letzten Jahr kam auf über 80 Prozent.
«Möge Gott allen Menschen die Herzen öffnen, auf dass alle gleich behandelt werden», so die Worte, mit denen der Pfarrer seine Rede beendet, bevor er zur Liturgie übergeht. Gutes tun, anderen helfen, Mängel ausgleichen, so seine Anweisung. Eigentlich sind die Unteriberger ein offenes Völklein. Kaum sitzt man am Tisch, bei Kafi und Brunch, schon ist man per Du. Jeder weiss, wozu die zwei aus der Stadt gekommen sind, der Gemeindepräsident hat sie vorgestellt, die Herren von der Presse, «die sehen sollen, dass wir gar nicht so konservativ sind». Mit dem Ruf, den sie haben, sind die Unteriberger die Medien gewohnt, auch die Rundschau war schon da diesen Sommer.
«Weisst du, wir sind hier einfach sehr für unsere Traditionen», sagt ein Bulliger mit vollen, schwarzen Locken zwischen zwei Bissen Eier mit Speck. «Das, was wir haben, das wollen wir nicht kaputt machen. Wir haben nichts gegen Ausländer, wenn jetzt einer kommt und sich anpasst, dann haben wir keine Mühe.»
«Dass er dabei ist im Dorf, am Vereinsleben teilnimmt. Und dass er nicht von der Sozialhilfe abhängig ist.»
Der Sozialvorstand von Unteriberg ist ein junger Blonder mit schlauen Augen. Auch seine Hände erzählen von der Arbeit im Stall oder auf der Baustelle. Sehr zurückhaltend nur gibt er Auskunft. Wieviele Dossiers in seinem Aktenschrank liegen, will er nicht sagen. Viele seien es nicht: «Es sind vor allem alte Leute, die dann irgendwann einen Vormund brauchen. Wenn sie nicht mehr drauskommen.» Und grundsätzlich sei der Zusammenhalt hier oben eben noch stärker. «Wenn jemand in finanzielle Not gerät, schaut zuerst die Familie. Wir sind nicht gern abhängig.»
Einbürgerungen gibt es selten in Unteriberg, «eine pro Jahr, letztes Jahr gar keine», sagt Schatt. Eine Familie habe zwar einen Antrag gestellt und trabte vor der Einbürgerungskommission an. Die Szene, die sich dann abspielte, hätte auch das Drehbuch des Films «Schweizermacher» nicht skurriler schreiben können. «Die wussten nicht einmal, was der Stöckmärchet (der Stöckmarkt, Anm. d. Red.) ist. Das ist hier bei uns im Dorf der grösste Festtag. Ein bisschen etwas sollte man von der Gemeinde schon wissen nach ein paar Jahren», sagt Schatt. Die Antragsteller hätten dann auch eingeräumt: «Wir wollen doch einfach den Pass.» Den Pass eines Landes, in dem niemand den Stöckmärchet kennt, ausser den 2303 Menschen zuhinterst im Tal, für die er das Fest des Jahres ist.
Die Feldmusik Alpenrösli macht Pause. Während der Messe sassen die rund 20 Mannen und Frauen mit ihren Klarinetten und Hörnern und der Standarte im Rücken neben der Bühne und begleiteten den Gesang des Volkes. Der Dirigent ist ein Profi, Berufsoffizier der Schweizer Armee, Majorsrang. Früher war er vier Jahre im Vatikan und eben dort Leiter des Spiels der Schweizergarde, der Stolz des Dorfes.
Die Musikanten sitzen an einem Festbank. Ungeduld macht sich breit, erst am Mittag soll der Schweizerpsalm erklingen, die Landeshymne. Doch man hat keine Zeit zum Warten, wie gesagt, es ist ein Tag zum Heuen.
Ein Hornist, schlank mit weissem Haar und weissem Bart, sieht im weissen Sennenkutteli der Feldmusik aus wie ein dürrer Tell. Er holt zum Rundumschlag aus, in einem trägen, aber eingänglichen Schwyzerdütsch, das ihm nicht abhanden gekommen ist: «Ich habe fast 20 Jahre lang uswärtig gelebt, unten in den Städten, und ich sage dir, wir Unteriberger sind nicht konservativ. Die in Bern sind konservativ, in ihren Altstadt-Kellern unten, wo sie dich nicht reinlassen, wenn sie dich nicht kennen.» Nein, die Unteriberger, die sehen «eben einfach ein bisschen über alles hinaus». Sie hätten hier 30 Asylanten gehabt, obwohl sie bloss 20 müssten, und die haben sie alle zum Arbeiten gebracht. «Dann kamen die Linken und haben sie uns wieder ausgeschafft. Die Linken wollen keine Asylanten, die arbeiten. Die Linken wollen nur solche, die dem Sozialstaat auf der Tasche hocken. Wer verdient denn am Sozialstaat? Das sind die Schlimmsten: Die linken Rechtsverdreher und die Juristen in Bern. Die lügen alle, die ganze Zeit.» Und der Pfaff, sagt er zum Schluss, der sei ein Rechtsextremer. Nicht ganz so schlimm wie der letzte, aber eben.
In diesem Weltbild hockt der Feind überall, der Feind, der alles zu verderben droht. Der einem die Heimat zur Fremde macht. Die Mehrheit fühlt sich als bedrohte Minderheit.
«Mit kindlichem Vertrauen eil' ich
in Vaters Arme, fleh' reuerfüllt:
Erbarme, erbarm' o Herr Dich mein!».
Wohin soll ich mich wenden, 3. Strophe
Die Sehnsucht nach der heilen Welt der Väter, nach einfachen Wegen durch eine immer verworrenere Welt, beschert der Milliardärs-Partei die Stimmen der einfachen Leute. «Ganz einfach: Die Schlagwortpolitik der Führer-Partei», antwortet der CVP-Gemeindepräsident kurz und bündig auf die Frage nach der Ursache für die Sympathie, die der SVP hier entgegengebracht wird, mit ihrem kruden, toxischen Gemisch aus neoliberaler Sozialpolitik, menschenverachtendem Migrationsregime und nationaler Abschottung. Viele Leute, sagt Schatt, sehen die Zusammenhänge nicht.
Dabei sind die Zusammenhänge heute sogar bis auf den Dorfplatz gekommen. Alois Gmür, Kantonsrat CVP aus Einsiedeln, Chef der Brauerei und Stiftungsratspräsident des lokalen Spitals, hält die Festrede. Es ist eine kämpferische Ansprache und eine, die nur am Rande mit dem Geburtstag des Vaterlandes zu tun hat: Was die Menschen in Unteriberg so wie im ganzen Kanton bewegt, ist der drohende Todestag des Spitals Einsiedeln, das von der Regierung weggespart werden soll, mitsamt Arbeitsplätzen. Ein Politikum, das die Volksseele zum Kochen gebracht hat und für Schwyzer Verhältnisse so etwas wie eine Revolution ausgelöst hat. Es hängen in der ganzen Region Plakate, die Leute tragen Pro-Spital-Pins und haben sogar demonstriert. Oft kommt das hier oben nicht vor.
Die drohende Schliessung ist eine komplexe Geschichte. Aber sie lässt sich zurückführen auf die Sparpolitik des Kantons. Sparen ist das oberste Gebot in diesem Kanton, der über ein Eigenkapital von einer guten halben Milliarde Franken verfügt und die Ausgaben dennoch so tief wie möglich hält. Dafür wurden in den letzten Jahren sukzessive die Steuern gesenkt – Sozialpolitik à la SVP. Sparen ist oberstes Gebot. «Steuern senken für alle», lautete eines der Wahlversprechen im «Vertrag mit dem Volk», mit dem sich auch der Schwyzer SVP-Präsident und Nationalrat Pirmin Schwander 2007 inszenierte. Ein Leserbriefschreiber drückte es in der Luzerner Zeitung ungefähr so aus: Jeder, der die Sünneli-Partei wählt, ist gegen das Spital.
Nach Gmürs Rede macht Gemeindepräsident Schatt die Runde und hält dem Einen oder der Anderen das Mikrofon hin. Man ist sich einig: «Eine Schnapsidee!» «Am Volk vorbei politisiert!» «Wir werden uns wehren!» Von der Sünneli-Partei und ihrer Übermacht in der Legislative spricht niemand. Schliesslich sind es «die in Schwyz oben», die Regierungsräte, die für die Umstrukturierung verantwortlich sind. Und dort sitzen ja nur zwei SVP-Vertreter, in der Bildung und im Umweltdepartement. Der zuständige Direktor des Inneren kommt aus der SP.
Und was für ein Verständnis von Staat und Individuum hat der Unteriberger Gemeindeförster und SVP-Kantonsrat? Die Antwort überrascht nicht. «So wenig Einschränkung wie möglich», sagt Franz Laimbacher. «Je breiter und vernetzter man ein Gesetz anlegt, desto blödsinniger wird es.» Als Beispiel nennt er die Verpflichtung der Gemeinden zum Anbieten von Mittagstischen für Schulkinder. «Wir brauchen das hier nicht. Was wir brauchen, ist ein Schulbus, der die Kinder zum Zmittag nach Hause bringt. Den dürfen wir dann aber aus diesen Mitteln nicht bezahlen.» Und das Minarettverbot, ist das nicht eine Einschränkung sondergleichen, die der Staat vornimmt? «Ein Minarett kümmert mich überhaupt nicht, solange ich in meinem eigenen Glauben nicht eingeschränkt bin. Aber schau dich doch um! Woher kommen denn die Kriege, die wir in den letzten 20 Jahren auf der Welt haben?»
Mittlerweile geht es gegen Mittag, die Sonne ist längst hinter dem Gemeindehaus hervorgekommen und heizt der kleinen Festgemeinde ein. Schatt bringt einen der roten Rivella-Sonnenschirme. «Ist doch schön hier bei uns, oder?», sagt er, und ein Nein als Antwort wäre gelogen, wenn man nur vom «schön» und vom «hier» sprechen will. Man ist von Zopf und Käse zum Bier übergegangen, die Zahl der Feiernden auf dem kleinen Verbundsteinplatz zwischen Schul- und Gemeindehaus nimmt ab, die Geselligkeit zu. Früher als geplant ergreift die Feldmusik Alpenrösli die Initiative. Es ist Zeit, an die Arbeit zurückzukehren, Zeit für den Schweizerpsalm. «Guet, tümmer ufstah», ruft der Gemeindepräsident und bricht das Gespräch ab.
Jamal Hauer ist Reporter in Zürich.
Samstag, 1. Oktober, 14.30 Schützenmatte Bern
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