Ein Gespräch über Integration. In den 1970er Jahren gab es in der Schweiz aktive Migrantenorganisationen wie die Colonie Libere. Heute fehlen diese in der politischen Auseinandersetzung vollständig – auch weil sich die schweizerische Linke als Ganzes nicht mehr darauf versteht, mit MigrantInnen politisch zusammenzuarbeiten.
Die aktuelle Lancierung dreier Initiativen zur Begrenzung der Anzahl «Ausländer» (eine von der SVP, eine von den Schweizer Demokraten SD und eine der Organisation ECOPOP) gehört zur schweizerischen Tradition. Deren Ursprung liegt in der ersten xenophoben Partei Westeuropas, der Nationalen Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat (NA, heute Schweizer Demokraten). Die NA hatte ihren Höhepunkt 1971 mit der Schwarzenbach-Initiative, die den grösstenteils italienischen Ausländeranteil auf 10 Prozent senken wollte. Sie erhalt damals 46 Prozent Ja-Stimmen. Die Federazione delle Colonie Libere Italiane in Svizzera, kurz Colonie Libere, rief damals zum Widerstand und zur Solidarität gegen die rassistische Hetze auf. Mittlerweile haben sich auch dank des Aufstiegs der SVP Rassismus und tägliche Diskriminierung von MigrantInnen in der Schweizer Gesellschaft etabliert – während sich (scheinbar) keine neuen politischen Interessensgruppen von Immigrierten gebildet haben.
Ich führte ein Gespräch mit Warsame, der in Somalia geboren wurde und seit 10 Jahren in Bern lebt, über die staatlich geforderte Integration und MigrantInnenorganisationen heute.
Die Mehrheit der Schweizer Stimmberechtigten befürwortet offensichtlich eine rassis-tische SVP-Politik. Hast Du persönlich Rassismus in der Schweiz erlebt?
Jeden Tag. Es gibt bewussten und unbewussten Rassismus, der unbewusste ist am Schlimmsten.
Bis Ende des 20. Jahrhunderts gabe es in der Schweiz keine Integrationspolitik. Der Staat überliess die Immigrierten sich selber. Nur nichtstaatliche Organisationen, wie zum Beispiel die Colonie Libere, haben sich politisch für eine soziale und kulturelle Integration von MigrantInnen engagiert. Meinst Du, dass eine solche politische Aktion heute möglich und notwendig wäre?
Heute ist es so, dass die – also der Staat – sagen, sie würden Integrationsprojekte machen. Es sind von Schweizern, von Sozialarbeitern geführte Projekte; von Leuten, die keine Ahnung haben von der Realität von Ausländern. Sie machen Integrationsprojekte, aber nur von einer Seite. Man kann sie nicht benützen, das ist nicht Integration.
Das heisst, dass es politische MigrantInnenorganisation geben sollte?
Ja, aber weisst du, es gibt schon verschiedene Personen mit Migrationshintergrund, die selber daran arbeiten, die machen selber Integrationsprojekte. Wie wir mit der Culture Factory, mit unseren Konzerten und Kulturveranstaltungen. Wir machen selber Integrationsprojekte, aber ohne Unterstützung und ohne politische Statements. Wir sind eine Gruppe und diese Gruppe ist das Integrationsprojekt. Die Leute kommen zu uns und haben mehr Kontakt mit anderen Leuten. Wir zeigen, wie man Sachen machen kann. Culture Factory ist nur ein Beispiel, es gibt viele andere Organisationen. Solche Sachen sind immer Initiativen von einzelnen Personen und kleinen Gruppen. Wahr ist, dass die, die immer Integration sagen, wissen müssen, ohne uns können sie keine Integration machen. Die einzige Lösung ist, zusammen an einen Tisch zu sitzen und zusammen zu schauen, was wir machen können.
Ihr erwartet, dass die Schweizer Behörden zu Euch kommen?
Ja, wir sind da und wir erwarten das, das muss kommen. Die müssen zu uns kommen und sagen: hey, wir wollen das richtig machen. Wie machen wir das, habt ihr eine Ahnung?
Und was ist, wenn sie nicht kommen?
Aber das geht nur so, dass kann man nicht anders machen. Das Gleiche gilt auch für die Linken, ich rede nicht nur über den Staat. Wenn du mal weisst, wo es die Leute gibt, sie kennst, kannst du sagen: Wir haben dieses Problem, wollen wir zusammen eine Lösung finden und wie können wir das machen?
Das heisst, auch die Linke, radikale oder nicht, soll zu Euch kommen?
Ja, die müssen kommen. Es gibt die Ausländer die Projekte haben. Es gibt 120 Ausländervereine in Bern, man kann nicht sagen, ich weiss nicht, wo sie sind. Sie sind da, die Linke mussmal hingehen, fragen, mitreden. Weisst Du, es ist nicht wie in Italien, dort gibt es die Centri Sociali in Rom und Milano, es gibt die Gewerkschaften. In jeder Migrantenorganisation ist ein Gewerkschafter, man arbeitet zusammen. Die Linke funktioniert nicht ohne die Ausländer. Wenn es in Italien eine politische Aktion gibt, gehen sie zu jedem Ausländerverein und sagen, hey es gibt Projekte, es gibt eine Demo.
Sehe ich das richtig: Es gibt für Dich gar keinen grossen Unterschied zwischen der Linken und dem Staat in der Schweiz?
Ja. Die wollen helfen, aber es gibt keine Zusammenarbeit. Die Linken haben das noch nicht in den Kopf bekommen. Denn hier gibt es die Ausländer, wir sind integriert, wir haben eine gute Arbeitsposition, wir können viel mehr machen. Ohne mehr Zusammenarbeit kann auch die Linke nicht wissen, was läuft. Zum Beispiel, wenn sie Ausländer mobilisieren wollen: Du kannst nicht Sans Papiers auf die Strasse bringen, du brauchst Leute mit Papieren, die keine Angst vor der Polizei haben.
Werden MigrantInnen von der Linken zu sehr als Objekte wahrgenommen?
Ja. Die Personen und ihre Ideen sind nicht gefragt. Wir sind nicht nur Opfer hier, «Ausländer» sind nicht nur Sans-Papiers. Wir haben schon genug Assistenzialismus (Armenfürsorge) in Afrika, wir kommen nicht für das hierher. Wir sind viele hier, wenn niemand zu uns kommt, kommen wir sicher nicht von selber.
Auf welche Art und Weise könnte die Linke denn, jenseits vom Assistenzialismus, MigrantInnen aktiv in ihren Bedürfnissen und Forderungen unterstützen?
Wir wollen mitarbeiten. Sie müssen jetzt wissen, die Leute sind da und wir müssen zusammenarbeiten. Wir erwarten von den Linken, dass sie uns auf gleicher Augenhöhe treffen und uns fragen, was können wir machen? Wir können so einander besser helfen.
Samantha Tomarchio hat an der Universität eine Studie über die Rolle der Colonie Libere in der Kampagne gegen die Schwarzenbach-Initiative verfasst.
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