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Politik

Sand statt Sägemehl

La lutte. Ist Schwingen der Schweizer Nationalsport? Denkste. Im Senegal wurde schon an Hosen gerissen, als Tell noch in die Windeln schiss.

artikel lalutteZwei Männer umkreisen sich langsam. Mit gebeugten Oberkörpern taxieren sie sich gegenseitig, schätzen die Lage ab, die Kraft ihres Gegners. Dann stürzt einer nach vorn, umklammert den Oberkörper des Kontrahenten und versucht ihn zu Fall zu bringen. Das Publikum johlt, schreit und applaudiert. Der Gegner versucht sich mit einer schnellen Drehung zu befreien. Sand spritzt auf. Sand? Der fehlt in der Schweiz, alles andere können wir auch bieten. Zwei Männer, ein Ring, ein Kampf.

Grosse Stadien 

Die Schweizer Schwinger stehen im Ring aus Sägemehl. Ein Material, das zur Schweiz gehört wie die Schoggi. Die senegalesischen Lutteurs stehen im Ring aus Sand. Auch das relativ naheliegend, besteht dieses Land doch hauptsächlich aus eben diesem. Wenn es eine Sportart gibt, die hier wie dort im fernen Afrika die Massen mobilisieren kann, dann ist es das Schwingen. La Lutte im senegalesischen Sprachgebrauch. Zum Eidgenössischen Schwingfest in Aarau kamen mehrere zehntausend begeisterte Sport- und Schweizfans. Treffen im Senegal zwei Kontrahenten aufeinander, kommt das öffentliche Leben zu Stillstand. Wer sich den Eintritt in die grossen Stadien nicht leisten kann, geniesst das Spektakel vor dem Fernseher – oder vor einem Radio.

Ein Sport der verbindet – hüben wie drüben. Die Gemeinsamkeiten zwischen der schweizerischen Schwingete und der senegalesischen Lutte sind augenfällig.

La Lutte wurde schon an den Königshäusern des Mali-Reiches im 11. Jahrhundert gepflegt. Die Kämpfer angesehene Mitglieder des Hofes: gefeiert, verehrt. Nicht ganz so exklusiv das Schwingen in der Schweiz. Aber wir hatten ja auch keine Könige. Gell! Schwingen war ursprünglich Sportvergnügen der Hirten. Die grosse Frage: Wie kam es dahin, in die hohen Berge? Was verbindet La Lutte und Schwingen? Ganz klar: Die französische Besatzung der beiden Länder.

Die Bemühungen der französischen Herren, den wilden Schwarzen Boule beizubringen, scheiterten kläglich. Le Foot hingegen verdrängte La Lutte beinahe von Platz Eins der beliebtesten Nationalsportarten der Senegalesen. Aber eben nur beinahe! Auch die wilden Eidgenossen zeigten keinerlei Ambitionen beim Metallkugeln-durch-die-Luft-Werfen und für Le Foot leider wenig bis fast kein Talent. Den ungehobelten Hirten La Lutte beizubringen, klappte hingegen gut. Bringt ihnen Brot, Spiele und Demokratie, befahl der kleine Franzose. Ein Nationalsport war geboren! Natürlich musste das ganze ein bisschen zivilisierter zugehen als bei den schwarzen Mannen. Da liess sich die Grande Nation nicht lumpen. Hemmli statt nackter Oberkörper, Hosenlupf statt Angriff auf kaum verdeckte Männlichkeit. Auch die Trommeln und die traditionellen Tänze konnten nicht glaubhaft in die Alpennation transferiert werden. Da waren doch die Kuhglocken und echoverursachenden Gesänge schon einiges naheliegender. Und im Sägemehl sollen sie sich wälzen. Denn es sollte ja nicht nur Nationalsport werden, nein, die Völker der Alten Eidgenossenschaft sollten verbunden werden. Gemeinsame Traditionen schaffen das Gefühl von Heimat, Zugehörigkeit, Vaterland und Brüderlichkeit. So in etwa. Hat geklappt, oder?

Lutte vor Schwung

Bis auf einige wenige Tatsachen ist das oben Beschriebene frei erfunden. Tatsächlich reicht die Tradition von La Lutte bis ins 11. Jahrhundert zurück und wurde an den Königshäusern gepflegt. Die Tradition des Schwingens lässt sich nicht so weit zurückverfolgen. Ein erster Hinweis findet sich in einem Bild aus dem 13. Jahrhundert in der Kathedrale von Lausanne. Danach können erst um 1600 erste Schwingkämpfe unter den Hirten nachgewiesen werden. Auch andere Völker und Kulturen kennen abgewandelte Formen dieser Kampfsportart. Wo der Ursprung liegt, ist unbekannt.

Anja Peter ist Historikerin, lebt in Bern und reist manchmal nach Dakar, Senegal.

 

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