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Politik

Sind auch Sie ein Nazi ?

Der privatisierte öffentliche Raum zerstört den «citoyen». Heute in Zürich Unterschriften zu erhalten für Forderungen, die den Nationalsozialisten nachempfunden sind? Kein Problem, wie eine künstlerische Intervention auf dem Löwenplatz bewiesen hat. Die geheimen Gelüste des Kleinbürgertums drängten dabei ans Tageslicht...

Im Rahmen des Theaterprojekts «City of Change» von Milo Rau und Marcel Bächtiger am St.Galler Stadttheater simulierte eine Studierendengruppe der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) eine ausländerfeindliche Initiative. Die Studierenden stellten sich im Mai mit den Unterschriftenbogen an den Zürcher Löwenplatz. Die Bogen waren nach Art der SVP gestaltet, aber ohne deren Logo. Die Initiative trug den Namen «Dreck weg» und als Untertitel: «Die Schweiz den Blutschweizern».

Blutschweizer der 5. Generation

Die Initiative hatte drei Forderungen, die sowohl in der Stossrichtung als auch im Wortlaut den Nürnberger Rassengesetzen der NSDAP von 1935 sehr ähnlich waren, ja diese sogar noch überboten. Das waren die Forderungen: Der Nachweis der Schweizer Abstammung bis in die 5. Generation, das Verbot von so genannten «Mischehen» mit Ausländern und schliesslich ein Stempel im Schweizerpass für alle nicht reinrassigen Schweizer.

Das Resultat war folgendes: Innerhalb von weniger als einer Stunde waren um die zwanzig Unterschriften gesammelt. Fast alle, die stehen geblieben waren, hatten unterschrieben und waren zum Teil auch bereit, vor laufender Kamera Auskunft zu geben. Niemand wehrte sich gegen die Aktion oder verweigerte nach der Lektüre des Initiativtextes die Unterschrift.

Versucht man die Tragweite dieser Sache zu erfassen, kommt zunächst die aufgeklärte Medienvernunft zum Tragen, die das Ganze als nicht ganz ernst zu nehmende Kunstaktion abtut und behauptet, dass sicher auch die meisten Passanten das Spiel durchschaut hätten. Ein anderes relativierendes Argument spielt die Karte des immer zu dummen Spässen aufgelegten Volkes. So reagierte zum Beispiel der SVP-Nationalrat Lukas Reimann: «Man kann für alles Unterschriften kriegen. Ein Freund von mir musste im Rahmen eines Anlasses der Studentenverbindung 50 Unterschriften von Frauen zur Abschaffung des Frauenstimmrechts sammeln, was ihm problemlos gelang.» Und drittens ist zu hören, dass die Dummheit halt nie aussterbe.

Buchstäblich zu allem bereit ... wenn das Logo stimmt

Aber man sollte sich hüten, sich die nötige Empörung über den Befund der «Dreck weg»-Initiative allzu leicht ausschwatzen zu lassen. Denn jeder, der schon einmal auf der Strasse Unterschriften gesammelt hat, weiss: Niemand unterschreibt einfach so. Zwar ist es durchaus richtig, dass nur der kleinere Teil jener, die stehen bleiben, die Sachen sehr genau studieren und sich erklären lassen. Aber es wäre grundfalsch daraus abzuleiten, die anderen würden einfach irgendwas unterschreiben, das sie allenfalls später bereuen würden. Vielmehr sind die meisten, die sofort zur Unterschrift bereit sind, buchstäblich zu allem bereit, was unter dem für sie Vertrauen erweckenden Slogan oder Signet, das sie an den Stand gelockt hat, nur irgend vorstellbar erscheint. Bei der «Dreck weg»-Unterschriftensammlung zum Beispiel die Zeichen- und Bildsprache der SVP. Ein Befund, der sich aufdrängt, hört man sich auf dem Video die Vorschläge der Leute an, die Sache mit den Ausländern noch radikaler zu lösen.

Es geht dabei nicht etwa darum, irgendeine Form von Pöbel als grundsätzlich rassistisch zu denunzieren. Sondern, es handelt sich um die schlichte psychoanalytische Einsicht, dass unser privates Begehren meist über das in einer politischen Öffentlichkeit vertretbare Mass hinaus geht. Zum politischen Problem werden die geheimen «Mordlüste» des Einzelnen erst, wenn er Anlass hat zu glauben, es werde öffentlich danach gefragt. An solchen Anlässen hat in den letzten Jahren nicht nur das Privatfernsehen systematisch gearbeitet, sondern auch die SVP. Indem sie vorgab, mit ihren direkt der privaten Mördergrube des Kleinbürgers entlehnten Themen die Anliegen der einfachen Leute ernst zu nehmen, hat sie tatsächlich nichts anderes gemacht als die Scham, die das Schlafzimmer und den Stammtisch von der öffentlichen Sphäre trennte, zu zerstören.

Das Ende der demokratischen Atmosphäre

Nicht zu trennen ist dieser individuelle Privatisierungsschub von der Privatisierung des öffentlichen Raumes, den die neoliberale Realpolitik der SVP parallel durchgesetzt hat. Was, wenn die Befreiung des Kleinbürgers von der Scham nur der Ersatz dafür wäre, dass die Zerstörung des öffentlichen Raums diesen erst vom potentiellen Dasein eines «citoyen» oder «public men» ins alternativlose Kleinbürgerdasein gezwungen hat? Das Fallen der Hemmung jedenfalls, sich in der Öffentlichkeit authentisch, das heisst ohne Zurückhaltung, zu zeigen und das Verschwinden des öffentlichen Raums als freiem politischen Artikulationsort sind das Ende jeder demokratischen Atmosphäre. Und für solche Zustände ist dem SVP-Mann Reimann dann zuzustimmen, dass die Leute für jeden Spass – oder auch für jeden Dreck – zu haben sind.

Rolf Bossart ist Redakteur der Zeitung «Neue Wege» und wohnt in St. Gallen. Eine Kurzvariante des Videos der «Dreckweginitiative» ist auf www.city-of-change.ch zu sehen.

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